Podcast: Christiania – Das autonome Stück Dänemark

Dänemark für die Ohren – das gibt es immer am ersten Sonntag des Monats, wenn Chris mit einem Gast aus Dänemark schnackt. Höre die aktuelle Folge direkt hier.

Es gibt ein 38 Hektar großes Stück Dänemark, welches weitestgehend autonom verwaltet wird. Ausgerechnet in der Hauptstadt Kopenhagen, die nach neuem Wohnraum giert und wo die Immobilienpreise in schwindelerregende Höhen schießen, liegt die Freistadt Christiania. Freigeister wohnen hier in alten Militärgebäuden oder in kleinen und selbstgebauten Häusern. Doch die Freistadt ist auch sagenumwoben: neben einer lebendigen, bunten und wunderbaren Kulturszene sind es die Geschichten von Drogen und Gewalt, die Christiania anhängen.

Gitte Merrild erzählt im Podcast mehr über die Freistadt Christiania

In diesem Jahr feiert die Freistadt Christiania ihr 50-jähriges Bestehen. In der neuen Podcastfolge habe ich mich mit Gitte Merrild verabredet um über dieses besondere Stück Dänemark zu sprechen. Die 64-jährige, gebürtige Kopenhagenerin kennt Christiania sehr gut. Freunde von ihr leben oder lebten dort, oft geht Gitte eine Runde durch Christiania spazieren oder sie geht im Badehus saunieren. Außerdem führt sie seit Jahren Touristen durch ihre Heimatstadt Kopenhagen. Nur in Christiania muss sie sich zurücknehmen. In der Freistadt gibt es nämlich eigene Touristenführer.

Wie ist die Freistadt Christiania entstanden?

Eine Übersichtskarte von Christiania

Angefangen hat alles damit, dass ein paar Kopenhagener im Jahr 1971 ein altes Militärgelände im Südosten der Stadt besetzten. Zunächst ließen sie ihre Kinder dort spielen. Nach und nach ließen sich um den Spielplatz herum ein paar Menschen nieder. Sie besetzten die alten Militärgebäude und richteten sich ein. „Es war eine friedliche Besetzung und die Politiker haben auch nicht gewusst, was machen wir jetzt. Sollten wir das räumen? Vielleicht haben sie das auch ganz klein versucht und es ist nicht gelungen. Okay, dann könnt ihr doch noch ein bisschen bleiben“, erklärt Gitte im klitly-Podcast. Wegen der vielen Regierungswechsel hat niemand jemals versucht Christiania ernsthaft zu räumen. „Inzwischen ist es dafür auch zu spät.“

Ausgerufen wurde die Freistadt übrigens vom dänischen Journalisten Jacob Ludvigsen. In seiner kleinen Kopenhagener Zeitschrift „Hovedbladet“ schrieb er, dass Christinia ab dem 26. September 1971 besteht. So richtig offiziell war das aber nicht, aber es sorgte für Neugier bei einigen Kopenhagenerinnen und Kopenhagenern.

Wer lebt in Christiania?

Gemütlich, bunt oder in alten Militärgebäuden: die Christianiten leben ganz unterschiedlich

Momentan leben ungefähr 700 Erwachsene verschiedenen Alters und rund 150 Kinder in Christiania. Doch auch die Demografie hat auch in der Freistadt ihre Spuren hinterlassen. „Mittlerweile kannst du hier auch einige Senioren treffen. Zu Beginn von Christiania sind ganz junge Menschen eingezogen und haben WGs und Kommunen gegründet. Die haben damals alles geteilt: Kleider, Essen, Räume Ideale“, erzählt Gitte. „Viele der damaligen Hippies sind weggezogen, weil sie als Eltern größere und komfortablere Wohnungen wollten. Aber einige sind auch geblieben.“ Heute leben also mehrere Generationen in Christiania.

Bis heute verbindet alle der Gedanke der Gemeinschaft – darauf baut die Freistadt auf. „Christiania ist aber auch in Kopenhagen eingebunden und eng verwoben mit der umgebenden Stadt. Die Kinder gehen beispielsweise in die Volksschule in Christianshavn“, erklärt Gitte.

Ist es gefährlich in Christiania?

Die Christianiten haben eigene Regeln erklärt

Viele Menschen denken bei Christiania nicht nur an Freigeister, Kultur und Ideale, sondern auch an Drogen und Gewalt. Bekannt ist die so genannte Pusher Street, auf der am helllichten Tage und auf offener Straße Haschisch verkauft wird. Verschiedene Sorten oder als fertiger Joint. Das zieht natürlich auch Kriminelle an und so gab es in den vergangenen Jahren Rockerbanden, die um den Drogenmarkt in Christiania gekämpft haben und zahlreiche Razzien durch die dänische Polizei.

„Es ist eine kleine Straße, die Pusher Street, wo die ganze kriminelle Energie herrscht. Es ist die Hauptverkaufsstelle in ganz Dänemark von Haschisch“, erklärt Gitte. „Die verkaufen es dort seit 50 Jahren und das ist ein großes Dilemma.“ An 20 bis 30 improvisierten Ständen bieten die Dealer täglich ihren Stoff an. Dort sollten auch Touristen absolut nicht fotografieren. Sonst riskieren sie, dass ihren Kameras oder Handys von den Händlern weggenommen werden.

Doch auch die Christianiten sind unglücklich mit der Situation. Einerseits wünschen sie sich eine landesweite Legalisierung von Cannabis, andererseits lässt sich der Drogenverkauf schwer aus der Freistadt verbannen. Das liegt unter anderem daran, dass alle Entscheidungen, die die Gemeinschaft betreffen, von allen Bewohnern Christianias einstimmig getroffen werden müssen.

„Eine gute Freundin von mir, die Lotte, die schon als junge Frau nach Christinia gezogen ist, die ist vor zwei Jahren weggezogen, weil sie es satt hatte mit der Pusher Street und dem Ärger rundherum“, erklärt Gitte. Wer Christiania besuchen möchte, kann das tagsüber recht gefahrlos machen. Solle es eine akute Gefahr geben, stehen Polizeiwagen vor den Toren der Freistadt und die Bewohner würden Touristen davon abhalten, hereinzukommen.

Mehr über das Leben in Christiania, das international bekannte Christinia-Bike und wie die Freistadt im Inneren funktioniert – hörst du in der aktuellen Podcastfolge:

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