VisitFyn
Ich liebe Dänemark für seine weiten Landschaften, die wunderschönen Wanderwege, einsamen Leuchttürme und malerischen Städtchen. Dazwischen gibt es oft ziemlich viel Natur und leider fährt nicht immer ein Bus zum nächsten Abenteuer. Wer ohne eigenes Auto unterwegs ist, vielleicht mit dem Zug anreist, fragt sich deshalb: Wie bleibe ich im Urlaub mobil?
Auf der Ostseeinsel Fünen gibt es dafür jetzt eine Idee: Der Tourismusverband Visit Fyn hat das Projekt „Ta‘ mig med“ gestartet – also „Nimm mich mit“. Es geht ums Trampen – oder wie es auf Dänisch heißt, blaffen. Dafür wurden (und werden) an verschiedenen Orten auf Fünen und Langeland Bänke in Form des herausgestreckten Daumens aufgestellt. Dem bekannten Zeichen für Anhalter.
Eine starke Idee – schließlich kommt man so auch mit den Einheimischen oder anderen Touristen in Kontakt. Aber klappt es auch? Das habe ich selbst getestet – und hier liest du, wie es geklappt hat.
- "Jeg skal til Faaborg havn": Trampen auf Dänisch
- Tipps zum Trampen
- Auf dem Weg zur Familienfeier: Ich komme ein Stück mit!
- Wandern trifft Theater: Ein Audiowalk in die Svanninge Berge
- Das Leben schlägt jede Theorie - leider!
- Nächster Halt: Mit dem Bus zurück nach Faaborg
- Wie im Videospiel: Der Rückweg zum Campingplatz
„Jeg skal til Faaborg havn“: Trampen auf Dänisch

Für meinen Test habe ich mir einen durchwachsenen Samstag im Juni ausgesucht. Über dem Falsled Strand Camping wechseln sich dichte Regenwolken mit der Sonne ab. Das Wetter wird heute noch mehrfach eine Rolle für mich spielen. Doch jetzt möchte ich erst einmal zum Hafen von Faaborg. Vom Campingplatz aus sind es neun Kilometer. Faaborg ist der Ausgangspunkt meiner Audiowanderung in die Svanninge Bakker. Dort steht auch eine Blaffer-Bank – und von der plane ich meine Rückreise nach Falsled.
Frohen Mutes positioniere ich mich gleich neben dem riesigen „Ta‘ mig med“-Schild am Eingang zum Campingplatz. Ehrlich gesagt habe ich noch nie den Daumen zum Trampen ausgestreckt. Deshalb frage ich mich, wie man es am Besten anstellt: Lächeln und wie ein möglichst freundlicher Beifahrer aussehen?
Genau das funktioniert prima. Schon nach zwei Minuten hält eine ältere Dame. „Jeg skal til Faaborg havn“, sage ich zu ihr. Sie möchte zu Rema 1000 und spricht außerdem kein Englisch. Ich weiß leider nicht, ob es vom Supermarkt aus noch weit wäre. Da ich gerade zu aufgeregt bin, das auf dänisch zu erfragen, sage ich ihr, dass ich auf das nächste Auto warten werde. Sie verabschiedet sich lächelnd und düst davon.
Tipps zum Trampen
Trampen – auf Dänisch blaffen – ist mehr als nur am Straßenrand stehen und hoffen. Mit ein paar Tricks erhöhst du deine Chancen, schnell mitgenommen zu werden – und bleibst dabei sicher.
So kommst du leichter mit:
- Lächeln und Blickkontakt – wer freundlich wirkt, wird eher mitgenommen
- Ein Schild mit dem Zielort (z. B. „Faaborg“) macht gleich klar, wohin du möchtest
- Stelle dich an eine Stelle, an der Autos gut und gefahrlos anhalten können – keine Kurven, keine Kreuzungen, genug Platz am Straßenrand, am besten an Mitfahrbänken
- Tageslicht nutzen – nachts hält kaum jemand an
- Geduld mitbringen – nicht jedes Auto hält beim ersten Versuch
Sicherheit geht vor:
- Sag jemandem Bescheid, wo du startest und wohin du willst
- Teile deinen Standort per Handy mit einer Vertrauensperson
- Vertrau deinem Bauchgefühl – wirkt etwas komisch, lehn die Mitfahrt einfach ab
- Handy aufgeladen und griffbereit halten
- Wenn möglich zu zweit trampen
Auf dem Weg zur Familienfeier: Ich komme ein Stück mit!

Nach dem ersten schnellen Erfolg, dauert es jetzt etwas länger. Autos mit Ehepaaren, Großeltern mit Enkeln und Wohnmobile fahren an mir vorbei. Sitzt das Lächeln noch? Und viel wichtiger: Zieht da hinten ein Regenschauer auf? Seit etwa zehn Minuten halte ich den Daumen ausgestreckt, der jetzt die ersten Regentropfen abbekommt. Genau in diesem Moment hält ein dunkelgrauer, fast schwarzer Volvo und lässt die Scheibe herunter. „Jeg skal til Faaborg havn“, rufe ich ins Auto hinein. „Hop ind“, höre ich und sitze keine Minute später auf der Rückbank.
Christian sitzt am Steuer und Helene begrüßt mich lächelnd vom Beifahrersitz. Auf der Rückbank schaut ihre Tochter schüchtern aus dem Fenster. Ich winke ihr zu und sage, dass ich Chris heiße. Die Drei sind auf dem Weg zur einer Familienfeier nach Krarup. Eigentlich fahren sie nicht direkt nach Faaborg, aber sie bringen mich trotzdem gern zum Hafen.
Von den noch neuen „Ta‘ mig med“-Bänken haben sie noch nichts gehört, finden die Idee aber gut. „Vor allem, wenn am Wochenende nicht alle Buslinien fahren“, meint Helene. Sie geben mir noch ein paar Tipps für den Urlaub und lachen: „Wenn du am Abend niemanden findest, sammeln wir dich auf dem Heimweg wieder ein.“
Für die ganze Familie
Schloss Egeskov auf Fünen – Ein Tag wie aus einem dänischen Märchen
jetzt lesen →Wandern trifft Theater: Ein Audiowalk in die Svanninge Berge


Vom Hafen in Faaborg aus und auf dem Weg zur nächsten „Ta‘ mig med!“-Bank mache ich den Audiowalk „Unter dem Eis“ des Baggårdteaters. Eine 7 Kilometer lange Wanderung, die sich erst durch Faaborg schlängelt und dann direkt in die Svanninge Bakker führt. Mit Kopfhörern im Ohr erfahre ich mehr über die Verbindung vom Märchenerzähler H.C. Andersen zur Stadt und zu den Malern von Fynen. Charmant ist, dass ich nicht nur Infos zur Umgebung bekomme, sondern die Umgebung hörbar wird – etwa läuten die Glocken, wenn ich an der Kirche vorbei gehe.
Als ich auf freiem Feld in die Berge komme, erwischt mich ein ausgewachsener Regenschauer. Erst sind es nur einzelne große Tropfen, die im Getreidefeld die Mohnblumen zum Tanzen bringen. Doch schnell wird es ein dichter Regenvorhang. Da hilft es nur, den Schirm gut festzuhalten und etwas Geduld zu beweisen. Und die lohnt sich tatsächlich, denn nur eine halbe Stunde später scheint die Sonne und der Blick vom Gipfel des Lerbjergs auf das südfünische Inselmeer ist wirklich wundervoll.
Die Tour endet in der Nähe einer Mitfahr-Bank. Mal schauen, ob mich jemand mitnimmt.
Das Leben schlägt jede Theorie – leider!
Auf dem Waldparkplatz Svanninge Bakker stehen jedenfalls ein paar Autos, Camper und Wohnwagen. Ich scanne die möglichen Mitfahrgelegenheiten. Zwischen einer Hand voll Autos mit dänischen Kennzeichen sehe ich auch ein Fahrzeug aus Hamburg und ein Wohnmobil aus Italien. In Gedanken lege ich mir alles zurecht: Das italienische Ehepaar will bestimmt zum Falsled Strand Camping. Falls die nicht kommen frage ich einfach die dänischen Wanderer, ob sie mich nicht mitnehmen wollen. Zur Not geht es mit den Hamburgern zurück. Auf deutsch gelingt mir sicher auch ein sympathischer Witz, der signalisiert: Nützt nichts. Den müssen wir einfach mitnehmen.
Doch so ausgeklügelt dieser Masterplan mir erscheint: Irgendwie kommt keiner der vermeintlichen Wanderer zurück zum Auto. Nur zwei Kleinwagen sind neu dazu gekommen. Die Insassen haben nett gegrüßt und sind mit Wanderschuhen im Wald verschwunden. Nach über einer Stunde Wartezeit kann ich sagen: Die „Ta‘ mig med“-Bank ist durchaus bequem. Aber offenbar eignen sich regnerische Tage im Juni nicht unbedingt dazu, vom Waldparkplatz aus mitgenommen zu werden. Es ist einfach zu wenig los.


Nächster Halt: Mit dem Bus zurück nach Faaborg
Wie gut, dass nur ein paar Schritte entfernt eine Bushaltestelle ist. Mit Linie 400A fahre ich erst einmal zurück nach Faaborg – übrigens am Rema 1000 vorbei, das tatsächlich ganz in der Nähe des Hafens liegt. Vor dem Aussteigen prüfe ich noch meine Optionen: Es sind etwa achteinhalb Kilometer zurück zum Campingplatz. Wenn ich jetzt loslaufe, brauche ich knapp zwei Stunden und wohl noch zwei mal den Regenschirm. Ein Bus fährt nur von Montag bis Freitag in diese Richtung. Ein Taxi rufen… wäre irgendwie zu einfach.
Ich will heute als Anhalter fahren und probiere es deshalb noch ein letztes Mal. Dafür positioniere ich mich in der Nähe eines Kreisverkehres hinter der Ausfahrt, die nach Falsled führt. Daumen raus, was soll schon schief gehen. Schließlich kommen hier deutlich mehr Autos vorbei, als noch oben im Wald. Gut zwei Dutzend Autos fahren an mir vorbei in Richtung Nachmittagssonne. Mal lächelt man mich an, mal nimmt man keine Notiz von mir. Bis dann schließlich nach einer knappen viertel Stunde doch ein kleiner, hellblauer VW hält.
Wie im Videospiel: Der Rückweg zum Campingplatz


„Kører I til Falsled?“, frage ich. „Det var ikke vores plan“, kam als Antwort. Obwohl die beiden jungen Faaborger nicht in Richtung Falsled fahren wollten, soll ich trotzdem einsteigen. „Es ist jetzt unsere Sidequest“, erklären sie mir auf englisch. Sidequest – so werden in Videospielen Nebenaufgaben bezeichnet, die nicht zur Hauptgeschichte gehören. Im Status einer Nebenrolle bringen sie mich also zurück zu meinem Startpunkt – das ist völlig okay für mich.
Blaffen ist ja noch nicht so verbreitet auf Fünen erzählen sie mir – doch auch sie finden das Konzept gut. „Die Inselbewohner müssen die Mitfahrbänke wohl noch etwas besser kennenlernen“, sagt Fahrer Maties. „Dann halten sie bestimmt auch öfter an.“ Dabei hat das gar nicht so schlecht geklappt heute. Wann immer ich an zumindest belebten Straßen den Daumen rausgestreckt habe, musste ich nie länger als eine viertel Stunde warten. Letztendlich sogar ohne den Bonus der Mitfahrbank.
Dafür weiß ich nun auch, wie sich das Leben für junge Leute in Faaborg so anfühlt. Maties und Mikee erzählten mir auf dem Rückweg zum Campingplatz mehr darüber, wie sie ihre Freizeit hier so verbringen. Dass sie Partys oft selbst veranstalten, es manchmal schon langweilig in der Kleinstadt sei und sie deshalb gern in eine größere Stadt ziehen wollten. „Aber nur nach Odense“, erzählt Beifahrer Mikee lachend. Denn von Fünen weg, wollen sie auch nicht. Und so komme ich mit ein paar echten Inseleindrücken wieder am Falsled Strand Campingplatz an.
Mehr Infos: Alle Blaffer-Bänke und Spots auf Fünen findest du auf der offiziellen Seite von VisitFyn:
Tag mig med – jetzt entdecken →
Deine Erfahrung: Bist du in Dänemark schon einmal geblaff – oder hast du jemanden mitgenommen? Schreib mir in die Kommentare!

Das war jetzt richtig amüsant und interessant zu lesen. Bisschen wie eine Kurzgeschichte. Ich persönlich würde trotzdem nicht „ blaffen“ so ganz alleine, auch nicht im Land der Glückseligen 🙂 aber du hattest sicherlich ein richtiges kleines Abenteuer.
Vor vielen Jahren bin ich in Dänemark oft getrampt. Meistens von irgendwelchen Häfen, zu denen ich gesegelt bin, zu Orten im Binnenland (und zurück).
Bemerkenswert: Es waren fast ausschließlich ältere Menschen, die mich mitgenommen haben.
Viele nette Begebenheiten waren damit verbunden.
Heute bin ich der ältere Mensch, der gerne Anhalter mitnähme, sehe aber nur sehr selten welche.
Mitfahrbänke gibt es (zumindest in Schleswig-Holstein) vermehrt in ländlichen Regionen. Leider gibt es (noch) keine Karte, wo die eingezeichnet sind.
Wenn ich in der Gegend der „Fünischen Alpen“ bin, wundere ich mich immer über den Ort „Korinth“.
Dort erscheint tatsächlich der Korintherbrevet 😉 mit inzwischen über 100 Ausgaben.
Das ist ja eine tolle Idee mit den Bänken. Wir haben solche Bänke noch nie gesehen in Dänemark. Da werden wir das nächste Mal darauf achten. Ich finde das ist eine schöne Sache und eindeutig eigentlich für jedermann.