Mehr als nur Hygge: Warum viele Dänen auf „Tøffetid“ schwören

Es war ein kleiner Zettel, den die Kindergarten-Kinder von Brande zum Beginn der Ferienzeit in ihren Rucksäcken hatten. Ein paar bunte Blumen, Palmen und eine Hängematte illustrieren die wichtige Botschaft: „Zu einem guten Kinderleben gehört eine ordentliche Portion tøffetid.“ Dabei gehe es um nicht weniger als die Gesundheit und das Wohlbefinden der gesamten Familie.

Das Geheimnis hinter diesem dänischen Alltagskonzept ist so simpel wie wirksam – und ich habe gemerkt, dass ich das längst nicht mehr so richtig kann. Deshalb erzähle ich dir in diesem Beitrag auch davon, warum die meisten von uns ganz unbewusst tøffetid in Dänemark verbringen.

Was es bedeutet zu tøffen

Ich schlage im dänischen Wörterbuch nach. T wie tøffe – da ist es: Fahren oder Segeln, begleitet von einem dumpfen, rhythmischen Geräusch. Dass es sich dabei um eine Metapher handeln muss, wird mir spätestens bei der zweiten Erklärung klar. Es gehe darum, sich ohne eigentliches Ziel oder ohne Eile fortzubewegen.

Na klar – es entspricht vielleicht am ehesten dem deutschen Wort „tuckern“. Sich treiben lassen, umherfahren. Wer tuckert, verfolgt kein Ziel. Jedenfalls nicht auf dem schnellsten Weg. Wer tuckert, bewegt sich vielleicht im Takt voran. Aber der hält auch mal an. Für Schmetterlinge am Feldesrand, ein Stück Kuchen mit der Familie oder für einen Sonnenuntergang über dem Wald.

Tøffe-Zeit ist das Gegenteil konkreter Pläne

Genau so steht es auch auf dem Zettel der Kindergärtnerinnen: „Tøffe-Zeit ist die Zeit, in der wir nicht viel anderes tun, als gemeinsam zu tuckern. Wir räumen ein wenig auf, sehen ein wenig fern, spielen mit dem Hund, langweilen uns ein wenig, kochen gemeinsam und unterhalten uns.“ Im Gegensatz zur dänischen Hygge geht es bei der tøffetid nicht primär um diese besondere Gemütlichkeit, sondern um die Freiheit zu tun und zu lassen, was man möchte.

Es geht darum, sich auch mal nichts vorzunehmen. Denn tøffen ist das Gegenteil einer Shopping-Tour, einem Ausflug in den Zoo oder Familienbesuchen. Es ist wohl das berühmte „in den Tag hineinleben“.

Das ist doch kein neues Konzept, das gibt es doch auch in Deutschland! Das mag sein, allerdings haftet dem in den Tag hineinleben bei vielen Menschen auch etwas schlechtes an. Viele halten es unbewusst für Zeitverschwendung, sich ohne Plan treiben zu lassen. Ohne Sinn und Ziel ist doch etwas für die Faulen. Für die, die ihr Leben nicht im Griff haben. Weit gefehlt.

Es geht nicht darum, das Maximum herauszuholen

Die dänischen Kindergärtnerinnen raten dazu, sich einfach nicht zu überplanen. Auch nicht in den Ferien. Nur so gelinge es den eigenen Takt wiederzufinden. Zurück zu einem Gefühl, in dem man sich bewusst wird, was das eigene (Familien-)Leben ausmacht. „Wir leben in einem hektischen Alltag, in dem sehr viel passiert. Deshalb ist es wichtig, dass das Nervensystem zur Ruhe kommt“, sagt die Leiterin des Kindergartens in Brande, Anne Dankleff, zu TV Midtvest.

Und sind wir mal ehrlich: Den eigenen Takt kann man im stressigen Alltag kaum noch hören. Da geht es nicht nur um die so genanten soziale Medien, sondern auch um falsche Erwartungen oder Konkurrenzdenken. Natürlich ist es spannender zu erzählen, dass man an einem einzigen Wochenende im Kino, bei einer Familienfeier und im Museum war und man sogar noch Zeit hatte, auf dem See eine Runde zu paddeln. Wer „tøffelt“, der hat nicht so viel zu erzählen. Aber der lebt gesünder.

Das ewige Gedankenkarussell – und wo ich ganz unerwartet tøffele

Ich merke, dass ich dringend tøffe-Zeit brauche. Statt mir und meinem Nervensystem auch mal Raum zu geben, bin ich in Gedanken immer bei der nächsten Aufgabe. Und um ehrlich zu sein sogar bei der übernächsten. Dass mir das nicht ganz so gut tut, zeigt mir mein beinahe dauerverspannter Kiefer ziemlich deutlich.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich mein Gedankenkarussell so schnell dreht, dass es selbst an den Tagen kaum zur Ruhe kommt, an denen ich eigentlich in den Tag hineinleben könnte. Aus dem Gefühl heraus: Ich muss doch was machen. Ich muss mich um etwas kümmern. Aber um mich selbst zu kümmern, ist doch auch eine Verpflichtung, die ich häufiger mal ganz oben auf die To-do-Liste schreiben sollte.

Dabei kann ich tøffetid eigentlich – und zwar ausgerechnet in Dänemark. Dort im Ferienhaus schlafe ich aus. Dort frühstücken wir in Ruhe und überlegen uns dabei, worauf wir eigentlich heute Lust haben. Wir schauen nach draußen und leben unsere Urlaubstage im Einklang mit dem Wetter – und im Einklang mit uns selbst. Gerade das tut mir und so vielen anderen so unheimlich gut.

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Lass uns die tøffetid nach Hause holen

Jetzt bin ich bei der Frage, die ich mir schon häufig gestellt habe. Wie lässt sich das dänische Urlaubsgefühl nach Hause holen? Es ist die tøffetid. Absolut. Es sind aber auch die Rituale, die wir hauptsächlich im Urlaub pflegen. Mit einem Frühstück gemeinsam in den Tag starten. In sich hinein hören, was wir eigentlich machen wollen.

Sich nicht von der Idee antreiben lassen, dass alles einen sichtbaren Zweck haben muss. Dass es auch in Ordnung ist, sich treiben zu lassen. Dass man deshalb nicht faul ist. Erkennen, dass es auch eine Aufgabe ist, sich um sich und seine Lieben zu kümmern – und das manchmal wichtiger ist, als ein glänzendes Bad oder ein gefüllter Terminkalender.

Vielleicht beginnt tøffetid nicht nur im Ferienhaus. Sondern an einem ganz normalen Dienstagabend zu Hause in Hamburg.

Chris

Wind in den Haaren, ein Softice in der Hand und die Gischt im Gesicht, glücklicher kann ich kaum sein. Deshalb blogge ich hier auch über meine Leidenschaft - über Dänemark. Kultur, dänische Gerichte, Urlaubstipps und viel mehr findest du auf diesem kleinen Stück Dänemark im Internet. Außerdem begrüße ich in meinen Podcasts regelmäßig Menschen und schnacke mit ihnen über das Königreich. Ich hoffe, dass dich klitly genauso glücklich macht, wie mich.

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