Eine Wanderung in Thy (2): Lodbjerg Fyr und das Rascheln im Heidekraut

Dies ist Teil 2 des Berichts über einen Ausflug in den Nationalpark Thy. Wenn du mehr über unsere Planung und den Start unseres Trips erfahren möchtest, klicke hier.

Irgendwo im nirgendwo. Das war der erste Einruck, als wir und unser alter Citroën an der südlichen Spitze von Agger Tange angekamen. Weite sumpfartige Flächen begrüßten uns, sattgrüne Wiesen und in der Ferne hohe Dünen hinter denen die Nordsee rauscht. Als der schwere LKW, der mit der gleichen Fähre wie wir übersetzte, am großen Nationalpark-Schild vorbei fuhr, wirkte er etwas deplatziert. Aber tatsächlich gab es hier oben im April kaum Verkehr. Die Fähre pendelt zu dieser Zeit nur einmal die Stunde zwischen Thyborøn und Agger Tange. So kommt es, dass nicht Motoren, sondern Möwen, Wind und Wellen die Geräuschkulisse erzeugten. Wir mussten aber noch ein ganzes Stück weiter fahren. Ziel war ein kleiner Parkplatz am Rande der Lodbjerg Klitplantagen, eine der ehemaligen Versuchsplantagen für den Dünenschutz.

Infotafeln am Parkplatz

Dort angekommen fühlten wir uns gleich wie in einem “richtigen” Nationalpark. Der Parkplatz lag in einer kleinen Lichtung, umgeben von alten Kiefern. Eine Umgebungskarte gab die erste Orientierung für die nähere Umgebung. Besonders praktisch: in einem kleinen regengeschützten Kästchen gab es Flyer über den Nationalpark und das Gebiet rund um den Lodbjerg Fyr. Doch der Leuchtturm war vom Parkplatz aus noch gar nicht zu sehen. Also zogen wir uns schnell die Wanderschuhe an, schnappten uns die Rucksäcke mit Proviant und der Kamera. Auf ging es in die dänische Natur.

Oh, wie schön doch die Heide ist

Zum Leuchtturm war es gar nicht so weit. Wir liefen durch den jungen Kiefernwald und staunten über das junge, zarte Grün, das hier überall zu sehen war. Der Frühling breitete sich auf Thy aus. Überall spross es und die Knospen trieben aus. Wir hätten zwar auch auf befestigtem Weg zum Lodbjerg Fyr laufen können, aber der kleine Schlenker durch den Wald war schön.

Keine zehn Minuten später standen wir schließlich vor dem im Jahr 1883 erbauten Leuchtturm. Seine grau-braune Farbe verdankt er übrigens schwedischem Granit, welcher als Baumaterial verwendet wurde. An den Turm schließen sich zwei längliche Wohngebäude an. Auf der einen Seite wohnte einst der Leuchtturm-Wärter mit seiner Familie, auf der anderen Seite waren Räume für den Assistenten und seine Angehörigen. Heute befinden sich im nördlichen Flügel Toilettenräume, die für Wanderer geöffnet sind. Im Garten des Leuchtturmes kann man übrigens übernachten. Hier gibt es so genannte “Shelter”, also kleine Schutzhüten, in die sich jeder mit einem Schlafsack zur Ruhe legen kann. Nachts kann man das blinkende Leuchtfeuer erleben und die Nordsee rauschen hören. Es muss eine großartige Erfahrung sein, hier einmal eine Nacht zu schlafen. Vielleicht machen wir das eines Tages mal. Lust hätten wir schon.

Der Lodbjerg Fyr wurde aus Grantiblöcken erbaut

Es klimperte dumpf, als wir ein paar Kronen in die Vertrauenskasse warfen. Für den Aufstieg auf den 35 Meter hohen Turm wird ein kleiner Obolus fällig, der für die Instandhaltung des Gebäudes verwendet wird. Wenn ich mich recht erinnere, waren es 20 DKK pro Person (also knapp 3 Euro). Oben angekommen wird man mit einer tollen Aussicht auf die Dünenheide belohnt, die gleich hinter dem Lodbjerg Fyr und den angrenzenden Wäldchen beginnt. Eine steife Brise wehte uns um die Nasen und die Möwen schrien in der Ferne, als wir unsere Wanderstrecke erkundeten. Am Horizont kann man sogar die See erkennen. Da wollten wir natürlich hin!

Vom Leuchtturm aus kann man die Wanderstrecken erkunden

Hügelgräber, Eidechsen und die raue Schönheit

Im Gelände nördlich des Leuchtturms gibt es verschiedene Wanderrouten, die mithilfe eines Farbsystems und kleinen Pfosten im Gelände markiert sind. So können längere und kürze Routen gewählt werden, je nachdem wie viel Zeit man hat und was man sich genau anschauen wollte. Wir wollten natürlich auf die hohen Dünen und die Nordsee sehen. Also wählten wir einen recht großen Rundweg, der uns direkt durch die Landschaft führte. Auf dem ganzen Gelände gibt es immer wieder kleine Seen und Hügelgräber, die in der Übersichtskarte (vom Parkplatz) eingezeichnet sind. So lässt sich allerhand entdecken. Da lohnt sich sogar ein Blick auf den Boden, denn hin und wieder huscht ein Eidechse über den Weg und Frösche springen davon. Also keine Sorge, wenn es in den Moosbeeren raschelt und der Strandhafer wippt.

Die Wege führen Mitten durch die karge Dünenlandschaft

Im Gegensatz zum kleinen Wäldchen, durch das wir zu Beginn unserer Wanderung liefen, ließ der Frühling hinter den Dünen noch auf sich warten. Das Heidekraut war sozusagen noch im Winterschlaf. Mit jedem Schritt in Richtung Dünen wurde uns bewusst, wie hoch diese hier sind. Viel höher als in unserem Ferienhausgebiet auf Holmsland Klit. Nach einer knappen Stunde standen wir schließlich vor den gewaltigen Sandbergen und machten uns auf den Weg nach oben: ohne Sand- oder Strickleitern.

Oben angekommen wanderten wir sozusagen auf dem Rücken der Düne weiter, immer dem Meeresrauschen entgegen. Von hier oben hatte man erneut eine wahnsinnig schöne Aussicht. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Da waren nur wir und die Natur.

Auf dem Rücken der Düne

Wir wussten ehrlich gesagt gar nicht, was uns ganz vorn erwarten würde. Aufgefallen ist uns nur, dass die Möwen plötzlich viel Näher waren, als noch in der flachen Heide. Immer wieder ließen sie sich vom strengen Wind in die Höhe ziehen und segelten dann entlang der Küstenlinie wieder nach unten.

Nach und nach kam das Meer näher. Doch dieses Mal konnten wir nicht nach unten zum Wasser, denn wir standen plötzlich vor einer Abbruchkante. Eine Steilküste! Der Strand lag einige Meter unterhalb unserer Füße. Meine leichte Höhenangst machte es mir da nicht gerade leicht. Doch am Strand gab es Einiges zu entdecken.

Die Dünen am Lodbjerg Fyr brechen zum Strand hin ab

Dort gibt es rostbraune Streifen und dunkle Platten, die bis in die Wellen ragten. Ein ganz ungewohntes Bild zu den sonst eher einfarbigen Stränden in Dänemark. Leider kann ich nicht genau sagen, was hier zu sehen ist, allerdings ist die Gegend um den Lodbjerg Fyr für seine geologischen Besonderheiten bekannt. Das liegt an der wechselhaften Geschichte der Landschaft. Es brechen Lehmschichten hervor oder Überreste von alten, überwachsenen Sümpfen. Am Strand finden sich auch immer wieder Meeresablagerungen, in denen fossile Schnecken, Muscheln oder Seeigel eingeschlossen sind. Es gibt auch Touren direkt zum Stand und zur “sort næse” (der schwarzen Nase), die mehr Aufschluss über die geologischen Besonderheiten der Region geben.

Am Strand gibt es verschiedenste Ablagerungen zu sehen

Auf dem alten Rettungsweg nach Hause

Nachdem wir eine Weile lang den Wellen und den Möwen zugesehen hatten, machten wir uns auf den Rückweg. Durch die ständigen Dünenabbrüche waren auch Teile der Wege weggebrochen, sodass wir uns ein wenig durchschlagen mussten. Sonst bleiben wir im Nationalpark natürlich auch immer auf den Wegen. Das versteht sich von selbst. Nach einigen Metern waren wir aber wieder auf Kurs und liefen zurück durch die Heidelandschaft hinter den Dünen.

Der Weg zurück zum Leuchtturm war gesäumt von kleinen Wassergräben, aus denen immer mal wieder eine Eidechse huschte. Dieser Pfad, der längs der Dünen durch die Heidelandschaft führt, war früher ein Rettungsweg. Waren Seeleute gestrandet oder schiffbrüchig, dann eilten die Kameraden auf diesen Wegen zu den Stränden, um Hilfe zu leisten. Heute ist der Pfad ein idealer Wanderweg, an dessen Rändern wieder ein paar Hügelgräber zu sehen sind (manchmal ist es nicht ganz einfach diese mithilfe der Karte zu finden).

So näherten wir uns dem Ausgangspunkt unserer Wanderung, dem Lodbjerg Fyr. Der Turm dienst als guter Orientierungspunkt, wenn man keine Lust mehr auf das Kartenlesen hat. Insgesamt dauerte unsere Wanderung etwa 2,5 Stunden. Schöner ist die Tour sicherlich im späten Sommer, wenn die Heide blüht und der Strandhafer grün ist. Doch auch im Frühjahr hat uns das Erlebnis viel Spaß gemacht.

In unseren kommenden Urlauben wollen wir noch einmal nach Thy und noch mehr vom Nationalpark entdecken. Dann werde ich euch wieder berichten.

Wart ihr schon in Thy und könnt eine Tour empfehlen? Dann schreibt in die Kommentare. 🙂

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