Hvad er det? Modellschiffe in dänischen Kirchen

Wer Urlaub in Dänemark macht, findet nicht nur wunderschöne Natur und Ruhe, sondern gelegentlich ein paar Dinge, die ratlos zurücklassen. Dann fragt man sich zurecht: was ist das? In der Serie Hvad er det? gehe ich den Dingen auf den Grund. Mal geht es um wirklich kuriose Dinge, wie Fische auf der Wäscheleine. Mal sind es Schilder, die Rätsel aufgeben. Hier findest du alle Artikel der Serie.

Sind die dänischen Kirchen nicht schön? Viele sind weiß gekalkt und unterscheiden sich dadurch optisch von den meisten Kirchen in Deutschland. Warum die Dänen begonnen haben die Kirchenmauern zu kalken ist übrigens nicht ganz klar. Es gibt dazu unterschiedliche Erklärungsansätze: Die einen vermuten, dass uneinheitliches Mauerwerk verdeckt werden sollte, andere meinen, dass die Kalkschicht die Wände schützen soll. Es gibt aber noch ein besonderes Detail, welches häufig in dänischen Kirchen zu finden ist.

An Seilen oder Drähten schweben kleine, filigrane Modelle von Schiffen im inneren vieler dänischer Kirchen. Eine Ausstattung, die mir tatsächlich erstmals in Dänemark aufgefallen ist, obwohl dieser Brauch ursprünglich aus Südeuropa stammt. In Dänemark gibt es inzwischen allerdings die meisten dieser so genannten kirkeskibe, also “Kirchenschiffe”. Man schätzt zwischen 1.200 und 1.400 Exemplare landesweit. Was machen die Modelle aber in den Kirchen und wie ist der Brauch nach Dänemark gekommen?

In der Kirche von Jelling häng das Schiffsmodell vom Titelbild.

Schiffe in die Welt der Götter

Die Seefahrt und Schiffe spielen in Dänemark schon sehr lange eine wichtige Rolle. Schließlich liegt kein Ort weiter als 50 Kilometer von Meer entfernt und die Seefahrt ist fest mit der dänischen Geschichte und dem nordischen Glauben verwoben. Die Symbolik geht zurück bis in die Bronzezeit. Schon Jahrhunderte vor Christi wurden um die Urnen der Verstorbenen Steinblöcke so angeordnet, dass sie die Form eines Schiffes ergaben. Eine symbolische Verbindung für die irdische Welt und die Welt der Götter. Der Brauch hielt bis in die Wikingerzeit, in der bedeutende Krieger in Schiffen beerdigt wurden, die anschließend abgebrannt und von einem Hügelgrab überbaut wurden. Berühmtes Beispiel ist das Wikingerschiff von Ladby auf der Insel Fyn.

Das Schiff als religiöses Symbol ging schließlich auch in das Christentum ein. Unter anderem spielt es in der Bibel eine Rolle, aber auch im Kirchengebäude selbst. So wird der Raum, in dem sich die Gemeinde befindet ja auch als Schiff bezeichnet. Möglicherweise eine sprachliche Irrung. Im Griechischen heißt Tempel soviel wie “naos”, im Lateinischen ist ein Schiff “navis”. Das Schiff war jedenfalls schon von Beginn an als religiöses Symbol im christlichen Glauben verankert.

Ein Geschenk der Seeleute

Der Brauch der Schiffsmodelle etablierte sich erst im späten Mittelalter. Seeleute, die auf den Meeren in Not gerieten, beteten und versprachen Gott, ihm ein Schiff zu schenken, sollte er sie überleben lassen. Dazu ließen sie im Überlebensfall die kleinen Schiffsmodelle anfertigen und stifteten sie einer Kirche, meist ihrer Heimatkirche. Oft handelt es sich um originalgetreue Kopien der Schiffe, mit denen die Seeleute in Seenot geraten sind und die manchmal sogar gesunken sind.

Auch in der Kirche von Lemvig hängt ein Kirchenschiff

Der Brauch der Votivschiffe, übersetzt Gelübdeschiffe, entstand zunächst im katholisch geprägten Mittelmeerraum, wo auch das älteste bekannte Schiffsmodell hängt. Es stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und hängt in einer spanischen Kirche. Erst nach der Reformation und vor allem in den letzten beiden Jahrhunderten erreichte die Tradition Dänemark. Möglicherweise haben dänische Seefahrer die Schiffsmodelle in den katholischen Kirchen in Südeuropa gesehen und als Kirchenschmuck interpretiert, ohne den genauen Hintergrund zu kennen. In der Ho Kirche soll um 1605 das erste Schiffsmodell Dänemarks aufgehängt worden sein.

Ein echtes kirkeskib in Hvide Sande

Die meisten der kirke skibe in Dänemark wurden also als reine Schmuckstücke in den Kirchen aufgehängt. Allerdings haben die Gemeinden solche Schiffe nicht selbst beschafft, sondern es handelt sich in der Regel um Geschenke. Ein waschechtes Votivschiff gibt es allerdings. Es hängt in der Hellingåndskirke in Hvide Sande. Christian Bollerup spendete das Modell des Kutters “Jenny Skomager” im Jahr 2004. Bollerup selbst überlebte im Dezember 1961 ein Schiffsunglück in der Ostsee und baute das Schiff selbst.

Die Modellschiffe werden in Dänemarks Kirchen also hauptsächlich als Schmuck oder als Glücksbringer aufgehängt. Die Modelle sollen die Seeleute auf der See schützen. Ein Schiffsmodell gibt es besonders häufig, nämlich das der Fregatte Jütland. Es hängt in mehr als 30 Kirchen in ganz Dänemark. Auch bei den Namen gibt es Vorlieben: mehr als 75 Modelle wurden Håbet getauft, also die Hoffnung. Auf Platz zwei kommt Danmark. Ebenfalls beliebt sind mythologische Namen wie Odin, Juno und vor allem Neptun. Die meisten Kirchenschiffe hängen übrigens in der Sønderho Kirke, insgesamt sind es 14 Modelle.

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