Knorrige Bäume, bemooste Rinde und der Duft der Dünen – wer in der Thaagards Plantage wandern geht, begibt sich auf eine phantastische Reise durch die dänische Natur. Direkt hinter der rauen Nordsee und der Dünenheide schließt sich eine riesige Versuchsplantage an. Hier wachsen seit über 200 Jahren Fichten, Erlen, Birken und Kiefern unter widrigsten Bedingungen. Die rauen Stürme hinterließen in der sumpfigen Plantage ihre Spuren und schufen einen märchenhaften Wald. Verschiedene Wanderwege führen durch die wilde Landschaft – über kleine Holzstege, vorbei an Seezeichen und kleinen Bächen bis hin zur Nordsee.

Auf Wanderung mit dem letzten Sommertag

Es ist einer der letzten Septembertage, als es das Wetter noch einmal gut mit Jütland meint. Schon zeitig geht die Sonne über dem Ringkøbing Fjord auf und ich stehe in der Küche unseres Ferienhauses und schmiere Brote. Wir wollen wieder in den Nationalpark Thy – diesmal in die Thagaards Plantage. In einer Broschüre habe ich von diesem besonderen Fleck Dänemark gelesen. Hier wurden schon im Jahr 1816 Bäume gepflanzt, die die Dünen sichern sollten. Verantwortlich dafür war Sandflugkommissar Lauritz Thagaard, sozusagen Namenspate der Plantage. Die Bauern der Region mussten ihm unentgeltlich helfen. Nach einigen Jahren war schon abzusehen, dass die Bäume nicht groß genug werden, um den Sandflug wirklich zu verhindern. So kam es, dass die Plantage schon 1842 wieder aufgegeben wurde. Zurück blieben die oft dürren, aber meist vielstämmigen Bäume.

Mehr weiß ich ehrlich gesagt nicht über die Plantage, als ich unsere Brote, Äpfel und ein paar gekochte Eier in den Rucksack stecke. Ein paar Bilder des Waldes hatte ich zwar gesehen, aber mehr will ich gar nicht wissen. Es ist doch schöner, sich überraschen zu lassen und die Gegend mit eigenen Augen zu entdecken. Dazu wollen wir eine frühe Fähre in Thyborøn erwischen, um den Tag ausnutzen zu können. Von unserem Ferienhaus in Bjerregård bis zur Fähre sind es aber auch gute anderthalb Stunden, die wir auf den langen Landstraßen hinter den Dünen zurücklegen. Die Morgensonne taucht die Fjorde und Wälder am Straßenrand in ein sanftes Licht, ab und an erhebt sich ein Schwarm Stare von den weiten Feldern Westjütlands. Wir sind in Urlaubsstimmung und auf dem Weg in ein kleines Abenteuer.

To voksne og en bil – wir setzen über nach Thy

Kurz nach halb zehn kommen wir am neuen Fähranleger in Thyborøn an. Wir sind die Ersten in der Schlange und können schon nach ein paar Minuten auf das Schiff. Auf der Überfahrt erkläre ich dem Kassierer stolz, dass wir “to voksne og en bil” sind. Nachdem ich früher immer etwas zu schüchtern war, mit den Dänen dänisch zu sprechen, habe ich inzwischen wirklich Freude daran – und ich glaube der ein oder die andere Dänin freut sich ebenfalls, auch oder gerade weil nicht alles immer so perfekt klingt. Aber darum geht es ja nicht.

Nachdem wir in Agger angekommen sind, fahren wir erst einmal weiter bis zur Thagaards Plantage nördlich von Nørre Vorupør. In einem Waldstück weist nur ein kleines Schild auf die Natursehenswürdigkeit hin, beinahe wären wir daran vorbei gefahren. Ein paar hundert Meter hinter dem Schild liegt dann ein kleiner Parkplatz, der an diesem späten Vormittag schon gut gefüllt ist. Wir erwischen gerade noch die letzte freie Lücke und holen aus dem Kofferraum die Wanderschuhe. Pullover und Regenjacke lassen wir gleich im Auto, denn es ist traumhaft schönes Spätsommerwetter. Später werden wir nicht mal mehr die Wanderschuhe brauchen.

Die Bøgsted Rende – ein Bachlauf zur Nordsee

Schon bei unseren letzten Wanderungen in Thy ist uns eines sehr positiv aufgefallen: An jedem Parkplatz gibt es Prospekte über die nähere Umgebung mit kleinen Wanderkarten. Damit können wir uns auch diesmal wieder einen Überblick verschaffen und unsere Wanderung direkt vor Ort planen. Olli findet auf der Karte schnell die älteren Teile der Thagaard Plantage und wir entscheiden uns, die gelbe Wanderroute zu nehmen, die direkt dahin führt. Auf dem Weg dorthin entdecken wir die Bøgsted Rende, einen kleinen Bach der sich durch die Dünen zur Nordsee schlängelt. Was für ein wundervolles Fotomotiv – ich bin gleich verzaubert und spüre, wie wunderschön die dänische Natur ist.

Mitten in dieser Natur liegt hier ein riesiger Mühlstein. Ein Hinweis auf die Vergangenheit der Bøgsted Rende, denn einst stand hier einmal eine Wassermühle. Vor über 200 Jahren versandete der Bachlauf allerdings immer mehr, sodass es die Wasserkraft eines Tages nicht mehr schaffte, die Wasserräder in Bewegung zu halten. Doch noch heute fließt das durch Eisenverbindungen rotbraun gefärbte Wasser durch die Dünen. Die “Baustelle an der Rinne”, was Bøgsted Rende übersetzt bedeutet, ist ein toller Auftakt für unsere Wanderung.

Die “Sanduhr” in der Düne

Auf sandigen, verschlängelten Wegen gehen wir weiter. Es riecht nach Strandgras, Nadelbäumen und Salzwasser. Schon von weitem sieht man die rostbraun gestrichene Bake auf einer der höchsten Dünen. Das Seezeichen erinnert uns von der Form her an eine Sanduhr. Heutzutage brauchen Seefahrer die Baken nicht mehr unbedingt zur Orientierung, allerdings ist sie für die Wanderer hier eine gute Landmarke. Von hier oben hat man übrigens auch eine wunderbare Sicht auf die nähere und weitere Umgebung.

Mit dem Teleobjektiv werfen wir einen Blick auf den Urlaubs- und Fischereiort Nørre Vorupør. Genau der Ort, an dem die Fischer mit ihren Booten vom Strand aus in die Nordsee stechen. Da müssen wir nach unserer Wanderung auch noch hin. Nicht nur, um noch ein leckeres Softeis zu essen, sondern auch um ein Bild vom Landungsplatz zu machen.

Hinein in den Zauberwald

Jetzt aber hinein in die alte Versuchsplantage, die uns eigentlich hier her gelockt hat. Auf schmalen Wegen laufen wir durch das üppige Heidekraut. Leider sind wir Ende September etwas spät dran, denn die meisten Pflanzen sind schon verblüht. Das macht uns aber gar nichts aus, denn die Bäume, Sträucher und Gräser stehen noch in sattem Grün. Nach und nach entdecken wir am Wegesrand immer korrigere Bäume. Durch den Wind wuchsen sie ganz schief und neigen sich teilweise um mehr als 45 Grad. Nur oben in den Kronen wachsen die jungen Äste gerade nach oben zum Licht.

Sieht es nicht phantastisch aus, wie das Moos vom Boden her an den dürren Stämmen nach oben klettert? Und wie die Baumstämme knapp über dem Boden herauswachsen? Es ist eine wirklich besondere Stimmung hier in der Thagaards Plantage und wir saugen sie auf, lassen die Natur auf uns wirken. Erst nach ein paar Minuten fällt uns auf, dass wir kaum miteinander sprechen. Das liegt aber nicht daran, dass wir uns nichts zu sagen hätten. Wir genießen einfach die Ruhe und den Moment.

Wenn nicht mal die Mücken stören

Rund um die Thagaards Plantage wurden im Laufe der Jahre übrigens weitere Wälder angepflanzt, die besser gediehen sind. Das liegt auch an den Erfahrungen, die Sandflugkommissar Thagaard hier einst machte. Fehler wurden bei den neueren Anpflanzungen vermieden und so schützen heute dichtere und gesunde Wälder dieses kleine, zauberhafte Wäldchen.

Durch die Thagaards Plantage führen auch immer wieder kleine Holzstege, da der Boden teilweise sehr morastig ist. Das merkten wir vor allem daran, dass sich unserem Spaziergang ein ganzer Mückenschwarm angeschlossen hat. Immer wieder summt es neben dem Ohr und ich wedle die kleinen Quälgeister mit der Hand weg. Eigentlich bin ich kein Mücken-Freund, aber irgendwie stören sie mich heute gar nicht weiter, so beeindruckend ist die Natur hier.

So schön kann das Leben sein

Über die Dünenheide geht es wieder heraus aus der Thagaards Plantage. Die Sonne ist so warm, dass wir richtig ins Schwitzen kommen. Plötzlich entdecken wir noch ein Heidekraut, das noch in voller Blüte steht. Ein purpur-farbener Fleck zwischen Dünengras und Sand. Wir freuen uns darüber, denn damit hätten wir heute nicht mehr gerechnet.

An der Bøgsted Rende haben wir dann unsere Brote herausgeholt. Direkt an diesem wunderschönen Platz gibt es einige Holzbänke und Tische, an denen sich prima Picknicken lässt. Etwas, wofür die Dänen sehr viel übrig haben. Überall im ganzen Land gibt es an Straßen, Wanderwegen und sogar in Freizeitparks Picknick-Plätze, an denen mitgebrachtes Essen verzehrt werden kann. Wir sahen schon viele Dänen, die einfach nur zum Mittagessen zu einem solchen Picknickplatz fuhren um in der Natur zu speisen. Sympathisch. Wir machten uns das für unsere Urlaube auch zu eigen. So sitzen wir nun hier, hören schon das Rauschen des Meeres und denken uns: so schön kann das Leben sein.

Sand unter den Füßen

Satt und munter folgen wir dem Bachlauf bis zum Strand. Da sind das Meer, die Wellen und die Lust, gleich in die Nordsee zu springen. Weil wir aber nichts zum Baden dabei haben – und auch, weil uns das Wasser für ein Vollbad etwas zu frisch ist – ziehen wir wenigstens die Wanderschuhe und Socken aus und krempeln die Hosen hoch. Ein Fußbad sozusagen. 🙂 Es ist immer wieder schön, den Sand unter den Fußsohlen zu spüren und so schön, wenn das Wasser bis über die Knöchel spritzt.

Wir genießen den Strand an diesem letzten Sommertag noch ein wenig. Spazieren, beobachten die Wellen, freuen uns wenn uns die Möwen zurufen. Wir sind wie verzaubert. Aber das ist auch kein Wunder, schließlich kommen wir gerade aus dem Zauberwald und sind am wohl schönsten Ort der Welt gelandet: der dänischen Westküste.