Es ist schon Abend, doch die Sonne scheint immer noch über Holmsland Klit. Im Sommer geht die Sonne in Dänemark ohnehin nicht so richtig unter. Die Nächte im Juni, rund um die Sommersonnenwende, sind jedoch besonders hell. Es fühlt sich noch gar nicht so richtig wie Abend an, als sich an diesem 23. Juni dutzende Dänen und Urlauber am alten Fjordhafen von Nymindegab treffen. Es ist Sankt-Hans-aften, Johannisfest oder auch Mittsommer.

Die Kulisse für diesen stimmungsvollen Abend ist perfekt: da wären die alten Hütten, die vor dem schilfumwachsenen Südufer des Ringkøbing Fjords stehen und der kleine Holzsteg, an dem gleich vier Fischerboote ruhen – mit gehisstem Dannebrog versteht sich. Auf einer Holzbank sitzen zwei Dänen, spielen Geige und Akkordeon und werfen den Besuchern freundliche Blicke zu, während gleich davor der Holzkohlegrill angeheizt wird. Denn eines ist klar: bei dänischen Festen soll es nicht am Essen fehlen. Im Festzelt ein paar Meter weiter werden auch Bier und alkoholfreie Getränke verkauft. Es verspricht gemütlich zu werden.

Von Hoffnung und den Hexen der Städte

Der Sankt-Hans-Abend hat in Dänemark einen hohen Stellenwert. Das wird schon klar, wenn man einmal den Liedern genauer zuhört, die an diesem Abend gesungen werden. Das wohl Bekannteste ist “Vi elsker vort Land” von Holger Drachmann. Da heißt es nämlich “Vi elsker vort land, men ved midsommer mest” – also “Wir lieben unser Land, aber an Mittsommer am meisten”. Es wird die Arbeit auf den Feldern und die Hoffnung auf eine reiche Ernte besungen, aber auch die Hexen und Trolle, die in jeder Stadt leben. Genau die sollen an diesem Abend mit Freude aus der Gemeinschaft vertrieben werden. “Wir wollen Frieden hier in den Ländern, Sante Hans, Sante Hans!” Das erklärt, warum ganz oben auf dem Sankt-Hans-Feuer die Figur einer Strohhexe steht – so auch auf dem großen Haufen hier bei Nymindegab.

Das dänischen Hexenfeuer sind von der Walpurgisnacht inspiriert, die in Deutschland weitaus bekannter ist. Mit den Feuern am 30. April sollen hierzulande böse Geister vertrieben werden. Ähnlich diesen sollen die “dänischen” Hexen verbrannt und so auf den als Blocksberg bekannten Brocken im Harz zurückgeschickt werden. Da es in Dänemark Ende April oftmals noch zu kühl für einen Abend im Freien ist, wurde dieser Brauch kurzerhand in den Sommer verlegt. Der Sankt-Hans-Abend geht dabei auf heidnische Rituale und das Johannisfest am 24. Juni eines jedes Jahres zurück. Sankt Hans bildet sozusagen das Pendant zu Heiligabend, welcher am Vorabend von Weihnachten und kurz nach der Wintersonnenwende gefeiert wird.

Mit Ruhe und Gemütlichkeit

Zurück zum Sankt-Hans-Aften am Rinkøbingfjord. Während die Kinder Stockbrot über einem kleinen Lagerfeuer rösten, erklingen aus der Ferne die Klänge einer Blaskapelle. Die Ringkøbing Garde nähert sich von Nymindegab aus, Musikerinnen und Musiker in farbenfroher Tracht. Trommeln, Posaunen und Trompeten spielen fröhliche Melodien. Ihr Ziel ist der Platz am kleinen Fjordhafen, wo Menschen in kleinen Gruppen stehen, sich ausgelassen unterhalten und zuprosten. Was für eine unglaublich entspannte Atmosphäre.

In ganz Dänemark werden an diesem Abend Sankt-Hans-Feuer veranstaltet. An Fjorden, am Meer oder auch als Privatfeier in Gärten. Je nachdem, ob der 23. Juni auf einen Wochentag oder das Wochenende fällt, fällt auch die Größe der Feier aus. Die Dänen sitzen auf Decken, naschen Erdbeeren, trinken ein Glas Wein oder grillen. Im Mittelpunkt steht die Gemeinschaft und die Gemütlichkeit. Oftmals hält eine bekannte Person eine Rede, bevor das Lagerfeuer angezündet wird. So auch hier: der Oberstleutnant der Nymindegaber Kaserne spricht an einem kleinen Pult. Kurz drauf lodern die Flammen und spiegeln sich im Fjordwasser.

Als die Flammen schon meterhoch in die Abendluft lodern, stimmt die Ringkøbing Garde noch ein Lied an. Das Sankt-Hans-Feuer prasselt im Hintergrund und mit einem Lächeln im Gesicht stimmen die Dänen gemeinsam ein. “Vi elsker vort Land, men ved Midsommer mest.” Das können wir verstehen, in dieser hellen Juninacht bei Lagerfeuerromantik und Gemütlichkeit. Was für ein magischer Abend.